Drin!

In Kiew wur­de ein Tech­no­club nach dem Vor­bild des be­rühm­ten Ber­li­ner Berg­hains er­öff­net. Er steht für wil­de Par­tys und Frei­heit, dort trifft die quee­re Sze­ne der Ukrai­ne auf deut­sche Tou­ris­ten. Lässt sich ein My­thos ko­pie­ren?


ZeitMagazin
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AN­NA
»Soll ich über das Har­ness noch et­was drü­ber­zie­hen?«, fragt An­na, wäh­rend sie sich das Le­der­ge­schirr um den nack­ten Ober­kör­per schnallt. Ih­re Brust­war­zen hat sie mit blu­men­för­mi­gen Auf­kle­bern ab­ge­klebt. An­sons­ten trägt sie Shorts, Strumpf­ho­sen und Boots. Prü­fen­der Blick in den Spie­gel, su­chen­der Blick zu den Ber­li­ner Freun­den. An­na ist 36 Jah­re alt, hei­ßt aber nicht wirk­lich so – sie hat um An­ony­mi­tät ge­be­ten, weil ihr Chef nicht wis­sen müs­se, wie sie ih­re Wo­chen­en­den ver­brin­ge.
Nur 50 Eu­ro hat das Flug­ti­cket ge­kos­tet nach Kiew, zwei Stun­den dau­er­te der Flug von Ber­lin aus. Die »Rei­se­grup­pe Ost«, wie sich die sechs Män­ner und sechs Frau­en in ih­rer Te­le­gram-Grup­pe nen­nen, macht sich in ih­rer Airb­nb-Woh­nung am Mai­dan, dem zen­tra­len Platz der ukrai­ni­schen Haupt­stadt, erst ein­mal ei­nen Sekt auf. End­lich ist Sams­tag und da­mit Club­nacht.
Ein paar zie­hen schlich­te schwar­ze T-Shirts oder Ein­tei­ler an, an­de­re schwar­ze Netz­strümp­fe, schwar­ze Des­sous und gro­be Hals­ket­ten. Im Club soll vie­les sehr ähn­lich wie im Ber­li­ner Berg­hain sein, ha­ben sie ge­hört: har­te Tür, har­ter Dress­code, har­te elek­tro­ni­sche Mu­sik, har­te Dro­gen. Aber hat das Re­make in Kiew auch die Au­ra des mitt­ler­wei­le my­thi­schen Ori­gi­nals?
Seit das Berg­hain 2006 von der New York Times zum »bes­ten Club der Welt« ge­adelt wur­de, gilt es als das Mek­ka der in­ter­na­tio­na­len Tech­no­sze­ne. Fast al­le aus An­nas Rei­se­grup­pe ver­lo­ren sich dort re­gel­mä­ßig zwi­schen Bäs­sen und Be­ton, be­vor es we­gen der Pan­de­mie schloss. Über den ukrai­ni­schen Dop­pel­gän­ger wis­sen sie nur we­nig. Er wech­selt die Adres­se sei­ner Web­site al­le Vier­tel­jah­re, hat kei­nen Face­book-, In­sta­gram- oder Tik­Tok-Ka­nal, er­laubt kei­ne Fo­tos, gibt kei­ne Stel­lung­nah­men her­aus und hat noch nicht mal ei­nen Na­men, den man aus­spre­chen kann: ∄ – wie das ma­the­ma­ti­sche Zei­chen für »es gibt nicht«. Die Rei­se­grup­pe Ost kennt je­man­den aus dem Ma­nage­ment, der hat sie ein­ge­la­den – aber was wirk­lich ab­geht, ist bis­lang ir­gend­et­was zwi­schen Hö­ren­sa­gen und Hoff­nung.
An­na wirft sich ei­ne dün­ne Blu­se über. »Kann ich ja spä­ter noch aus­zie­hen.« Dann klebt sie sich ei­ne Pil­le in Form ei­nes Her­zens mit ei­nem Pflas­ter in den Slip und ruft ein Uber.

LE­SHA BE­RE­ZOVS­KIY
Wenn man das ukrai­ni­sche Äqui­va­lent zum Berg­hain fin­den will, muss man zu­nächst Fried­richs­hain und Kreuz­berg von Kiew fin­den. Wo die Dich­te von E-Rol­lern und Ra­men-Bars am höchs­ten ist, liegt das Stadt­vier­tel Po­dil. In die­sem Vier­tel liegt auch das ∄.
Le­sha Be­re­zovs­kiy, 30, der Fo­to­graf die­ser Ge­schich­te, war­tet am Tag vor der Par­ty in ei­ner Stra­ße, in der Bag­ger und Schlag­boh­rer Zie­gel-Alt­bau­ten weg­rei­ßen und Platz für neu­en prag­ma­ti­schen Wohn­raum schaf­fen. »Die wa­ren vor ei­ner Wo­che noch nicht da«, sagt Le­sha. »Geht schnell, die gan­ze Ver­än­de­rung.« Er wirkt ab­ge­klärt. Le­sha und sei­ne Freun­de ken­nen nichts an­de­res als die Ver­än­de­rung: Re­vo­lu­ti­on, Krieg, Gen­tri­fi­zie­rung. Ein Pen­deln zwi­schen Nicht-mehr und Noch-nicht.
Er geht in ein ehe­ma­li­ges Kauf­haus, wo ei­ner sei­ner Freun­de ge­ra­de Fo­to­ar­bei­ten aus­stellt: Im schumm­ri­gen Ker­zen­licht und zu oh­ren­be­täu­ben­dem Krach, der aus den Laut­spre­chern tönt, er­kennt man Na­tur­auf­nah­men von Zwei­gen, Äs­ten und Son­nen­un­ter­gän­gen. »Ent­frem­dung« hei­ßt die Ar­beit und wirkt, als hät­te sich der jun­ge Fo­to­graf vom de­so­la­ten Jetzt kom­plett ab­ge­wandt. Als wä­re das Aus­blen­den, das »es gibt nicht« des Club-Sym­bols ∄, auch sei­ne in­ne­re Hal­tung und viel­leicht so­gar die sei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on.

AN­NA
An­nas Ta­xi hält in der Ky­ry­livs­ka 41. Die Adres­se ist oft auch die in­of­fi­zi­el­le Be­zeich­nung vom ∄. Manch­mal auch Ky­ryl 41 oder nur K41. Es ist halb zwei nachts. Hin­ter dem Tor war­ten Men­schen in ei­ner kur­zen Schlan­ge zwi­schen Ab­sperr­git­tern.
Bei Tag sieht man in der Stra­ße nur we­nig Par­ty-Pu­bli­kum, son­dern Ar­bei­ter, Tank­war­te und streu­nen­de Hun­de. Das ∄ liegt nicht di­rekt im Hipster­zen­trum von Po­dil, son­dern in des­sen der­zeit noch in­dus­tri­ell ge­präg­ten Aus­läu­fern. Aber auch dort wer­den leer ste­hen­de Häu­ser ab­ge­ris­sen, neue Miet­woh­nun­gen ge­baut.
Das Ge­bäu­de des Clubs be­her­berg­te ein­mal ei­ne Braue­rei. Ge­blie­ben sind ver­ru­ß­te Schlo­te, brö­ckeln­de Back­stein­fas­sa­den. Tei­le des Da­ches sind mit Pla­nen ge­si­chert. Um bis dort­hin zu gu­cken, muss An­na den Kopf in den Na­cken le­gen. Wie auch das Ber­li­ner Berg­hain ist das ∄ ein ho­her wuch­ti­ger Klotz, ein sil­ber­far­be­nes Me­tall­tor und ho­he Mau­ern hal­ten un­er­wünsch­te Per­so­nen drau­ßen. Auf ei­ne Wand sind Graf­fi­ti ge­sprüht: »We dance to­ge­ther, we fight to­ge­ther« und »Be queer, do crime«.

SO­PHIIA LA­PI­NA
»Mit Ky­ry­livs­ka 41 hat sich in Kiew viel ver­än­dert«, sagt So­fiia La­pi­na. Sie hat als Treff­punkt am Vor­tag des Ra­ves das What-you-want-Ca­fé vor­ge­schla­gen. Was sie will, weiß die 31-Jäh­ri­ge gut: Sie ist so et­was wie der Kopf der Tech­no-af­fi­nen Sze­ne von Les­ben, Gays, Bi­se­xu­el­len, Trans­men­schen und Queers (LGBTQ) in Kiew und er­zählt, wel­che po­li­ti­sche Di­men­si­on der Club hat.
Es sei näm­lich so: In der Ukrai­ne hät­ten es quee­re Men­schen im­mer noch schwer. In Schu­le, Be­ruf, All­tag wür­den sie min­des­tens als un­ge­wöhn­lich wahr­ge­nom­men, schlimms­ten­falls zu­sam­men­ge­schla­gen. Die Po­li­zei schüt­ze sie nur bei me­di­en­wirk­sa­men Spek­ta­keln wie der eher na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten De­mons­tra­ti­on Kiew Pri­de, tat­säch­lich sei das gan­ze Land noch un­glaub­lich ho­mo­phob. Kiew sei ein Flucht­punkt für vie­le, weil es li­be­ral und pro­gres­siv sei, Haupt­stadt eben. Aber die Sze­ne sei ge­spal­ten: Es ge­be die äl­te­ren Ho­mo­se­xu­el­len, die schon län­ger ih­re Schwu­len­clubs und -bars ha­ben. Doch dort fühl­ten sich vie­le LGBTQ nicht wohl, es we­he da ei­ne Art post­so­wje­ti­scher Geist mit viel Al­ko­hol, rus­si­scher Mu­sik und Trans­pho­bie.
So­fiia sagt, sie küm­me­re sich mit ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on Ukrai­ne Pri­de vor al­lem um die jün­ge­ren Queers. Ih­re Pro­tes­te sind kei­ne De­mos mit Ban­nern, son­dern Ra­ves – Tan­zen, Freu­de, He­do­nis­mus. Auf der Ra­ve Pri­de, ei­ner laut­star­ken De­mo, die So­fii­as Or­ga­ni­sa­ti­on im Ju­li vor dem Prä­si­den­ten­pa­last ver­an­stal­tet hat, zeig­te die quee­re Sze­ne ihr wah­res, näm­lich bun­tes Ge­sicht.
Ra­ve sei ein Raum der Selbst­er­kennt­nis. »Vie­le LGBTQ sind so scham­be­haf­tet auf­ge­wach­sen, dass sie ih­re ei­ge­ne ge­schlecht­li­che oder se­xu­el­le Iden­ti­tät als et­was Ek­li­ges an­se­hen. Wenn die­se Men­schen plötz­lich in ge­schütz­ter At­mo­sphä­re an­de­re Men­schen ken­nen­ler­nen, die ge­nau das fei­ern, ver­än­dert sich et­was«, sagt sie. »Es ent­steht ein neu­es Selbst­bild, das nach ei­ner Wei­le auch bleibt.«

AN­NA
Der Heiz­strah­ler wärmt, wäh­rend An­na und die an­de­ren drau­ßen vor dem Club auf die Co­ro­na-Test­ergeb­nis­se war­ten. Et­was se­pa­riert vom Ein­gang hat das ∄ ei­ne Test­sta­ti­on ein­ge­rich­tet. Kurz nach der Er­öff­nung des Clubs vor zwei Jah­ren ka­men die Pan­de­mie und die Un­wäg­bar­kei­ten. Es wur­de trotz­dem wei­ter­ge­fei­ert – aber mit Hy­gie­ne­kon­zept.
350 Hry­wn­ja, rund 11 Eu­ro, kos­tet der Ein­tritt in den er­le­se­nen Kreis. Je­der und je­de Ein­zel­ne wird vom Tür­ste­her be­gut­ach­tet, ob er oder sie ins ∄ rein­passt. Was sich in vie­len deut­schen Clubs schon durch­ge­setzt hat, ist in Kiew sonst noch eher die Aus­nah­me: dass sich Clubs ihr Pu­bli­kum »ku­ra­tie­ren«.
Ins Ber­li­ner Berg­hain las­sen die Tür­ste­her na­he­zu aus­schlie­ß­lich Men­schen, de­nen sie ei­ne po­si­ti­ve Ein­stel­lung ge­gen­über Queer­ness, Dro­gen und Sex und na­tür­lich elek­tro­ni­scher Mu­sik ab­neh­men. Auch in Kiew wird an der Tür mit schar­fem Blick aus­sor­tiert, wer zur Sze­ne ge­hört und wer nicht. Es geht na­tür­lich um den rich­ti­gen Style, viel wich­ti­ger aber ist die rich­ti­ge Ein­stel­lung. Ho­mo­pho­be, fa­schis­ti­sche, in­to­le­ran­te Men­schen sol­len drau­ßen blei­ben.
Ei­ne blon­dier­te Drag­queen in schwar­zen High Heels, Schlei­er und Lack-Cor­sa­ge stö­ckelt her­bei – kommt rein. Ein jun­ger Mann in bei­gen Cord­ho­sen und dun­kel­grü­nem T-Shirt – kommt nicht rein. An­na buch­sta­biert ih­ren Na­men, der Tür­ste­her guckt auf die Gäs­te­lis­te – kommt rein.

IVAN UND TI­MUR
Am Sams­tag­nach­mit­tag, ein paar Stun­den be­vor An­na ins ∄ ein­ge­las­sen wird, zie­hen Ivan und Ti­mur die Köp­fe ein. Sie lau­fen die brei­te Nyzh­nii-Val-Stra­ße hin­un­ter, die das Vier­tel Po­dil durch­schnei­det – es be­ginnt ge­ra­de zu reg­nen. Die Zi­ga­ret­ten zwi­schen den Fin­gern wer­den nass, müs­sen aber sein.
»Wir sind ent­täuscht!«, sagt Ivan, frei­er Kul­tur­jour­na­list und Mu­si­ker. Sein Freund Ti­mur, eben­falls ex­pe­ri­men­tel­ler Elek­tro­mu­si­ker, nickt und er­gänzt: »Und wü­tend! Al­le in Kiew wuss­ten, dass hin­ter dem neu­en Club ein Olig­arch steckt, aber kei­ner hat mal wei­ter ge­fragt oder dis­ku­tiert.« Wer ist das, wo kommt das Geld her, wol­len wir das? Weil der Club kei­ne In­for­ma­tio­nen her­aus­gibt, fin­gen die bei­den an zu gra­ben.
Ti­mur wur­de ein­mal ein­ge­la­den, ei­nen sei­ner Tracks auf dem La­bel des Clubs zu ver­öf­fent­li­chen. Er re­cher­chier­te zu­nächst über die Fir­ma, die in dem Ver­trag ge­nannt war. Zu­sam­men mit Ivan ent­deck­te er schlie­ß­lich ins­ge­samt drei Fir­men, die mit dem Club, dem Ge­bäu­de und dem Grund­stück des ∄ in Ver­bin­dung ste­hen. Sie führ­ten zu ei­nem Na­men: Andrey Ver­evs­kiy.
Ver­evs­kiy ist ei­ner der reichs­ten und ein­fluss­reichs­ten Olig­ar­chen des Lan­des. Sein Agri­kul­tur­kon­zern Ker­nel Hol­ding ist der grö­ß­te Pro­du­zent und Ex­por­teur von Son­nen­blu­men­öl welt­weit und der grö­ß­te Pro­du­zent und Ex­por­teur von Ge­trei­de in der Ukrai­ne. Der of­fi­zi­el­le Sitz des Kon­zerns liegt in Lu­xem­burg. Ver­evs­kiy saß jah­re­lang für un­ter­schied­li­che Par­tei­en im ukrai­ni­schen Par­la­ment und dort mehr­fach im Agrar­aus­schuss. For­bes schätz­te sein Ver­mö­gen 2013 auf ei­ne Mil­li­ar­de US-Dol­lar.
Dass rei­che Men­schen Kul­tur fi­nan­zie­ren, ist üb­lich. Aber dass sich das ∄ als Ort der Sub­kul­tur und des po­li­ti­schen Wi­der­stands in­sze­nie­re, är­gert die bei­den 26-Jäh­ri­gen. »Das ist fa­ke«, sagt Ti­mur. »Ky­ry­livs­ka 41 ist ein La­den vol­ler Pri­vi­le­gier­ter.«
Ti­mur ist bi­se­xu­ell, Ivan be­zeich­net sich selbst als agen­der, möch­te sich al­so we­der als männ­lich noch als weib­lich zu­ord­nen las­sen. Aber bei­de kom­men in das ∄ nicht rein. Zum ei­nen hät­ten sie be­reits in der Ver­gan­gen­heit nicht die Ein­lass­kon­trol­le pas­sie­ren kön­nen, weil ih­re An­mu­tung wohl »nicht hart und se­xy ge­nug« sei. Zum an­de­ren glau­ben sie, seit ih­rer Ver­öf­fent­li­chung über die Hin­ter­grün­de des Clubs auf ih­rem Blog und ih­ren So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­len dort so­wie­so nicht mehr er­wünscht zu sein. Vor al­lem aber wol­len sie selbst nicht mehr hin­ge­hen.
Na­tür­lich sei der Club ein Schutz­raum für Queers, aber er set­ze mit sei­ner Aus­strah­lung auch ei­ne Dy­na­mik in Gang, die die bei­den kri­tisch se­hen: Gen­tri­fi­zie­rung. Die­ser Club ma­che Po­dil zu ei­nem noch wert­vol­le­ren Vier­tel für In­ves­to­ren. Vie­le mar­gi­na­li­sier­te quee­re Per­so­nen und Künst­ler sei­en aber nicht reich. Sie wür­den sich frü­her oder spä­ter so­zu­sa­gen selbst ver­drän­gen. »Beim Ra­ve geht es um Er­mäch­ti­gung, um Ent­fal­tung«, sagt Ivan. Und die­ser Club sei auf Olig­ar­chen­geld auf­ge­baut – dem Ver­mö­gen ei­ner Per­son, das zum Sys­tem der Un­ter­drü­ckung ge­hö­re.
Ei­ne An­fra­ge des ZEIT­ma­ga­zins an Ker­nel Hol­ding, in­wie­fern Andrey Ver­evs­kiy mit dem ∄ in Ver­bin­dung ste­he, blieb un­be­ant­wor­tet.

AN­NA
Nur weil der ers­te Tür­ste­her ge­nickt und ei­nen Stem­pel auf ih­ren Un­ter­arm ge­drückt hat, hei­ßt das nicht, dass An­na und ih­re Freun­de drin sind. Beim Si­cher­heits-Check hin­ter der Tür durch­wühlt ein zwei­ter Tür­ste­her mit Gum­mi­hand­schu­hen An­nas Bauch­ta­sche, tas­tet sie von oben bis un­ten ab. »Any drugs?«, fragt er, An­na schüt­telt den Kopf. »Pho­ne?« Er klebt ei­nen run­den Smi­ley-Sti­cker in Re­gen­bo­gen­far­ben auf die Ka­me­ra ih­res Han­dys. Es ist viel­leicht der ent­schei­den­de Mo­ment des Abends, weil durch die­sen lus­ti­gen Auf­kle­ber et­was ver­sucht wird, was im di­gi­ta­len Zeit­al­ter des stän­di­gen Fil­mens, Fo­to­gra­fie­rens, Strea­mens ei­gent­lich nicht mehr mög­lich ist: dass al­le Gäs­te sich un­be­ob­ach­tet füh­len.
Wer ver­birgt sich hin­ter dem schwar­zen Schlei­er der Drag-Wit­we? Wie viel Ket­amin wird die halb nack­te Frau im grob­ma­schi­gen Netz­kleid gleich zie­hen? Wie vie­le Ge­schlechts­tei­le wird der was­ser­stoff­blon­de Jun­ge am Abend be­rüh­ren?
»What hap­pens in Ve­gas, stays in Ve­gas« – die viel zi­tier­te he­do­nis­ti­sche Grund­re­gel war vor der Er­fin­dung des Smart­pho­nes we­sent­lich leich­ter durch­zu­set­zen. In deut­schen Tech­no­clubs ist die No-Pho­to- Po­li­tik des­we­gen mitt­ler­wei­le meist Stan­dard, in Kiew hat das ∄ da­mit an­ge­fan­gen, an­de­re Clubs zie­hen all­mäh­lich nach.

THO­MAS KARS­TEN
Tho­mas Kars­ten kennt al­le ar­chi­tek­to­ni­schen Ge­heim­nis­se des ∄. Mit sei­ner Part­ne­rin Alex­an­dra Er­hard vom Ber­li­ner Bü­ro stu­dio kar­hard hat Kars­ten, 55, einst das Ber­li­ner Berg­hain aus­ge­baut. Vor fünf Jah­ren be­gann er die 150 Jah­re al­te Braue­rei in Kiew zu­nächst zu be­gut­ach­ten und dann mit lo­ka­len Part­nern zu ent­wi­ckeln.
Sei­nem ukrai­ni­schen Bau­team zeig­te er das Berg­hain: Wie breit sind dort die Flu­re, wie wird ge­lüf­tet und ge­heizt, wie funk­tio­nie­ren die We­ge und Räu­me? »Al­les Din­ge, die der nor­ma­le Club­be­su­cher nie wahr­nimmt, die aber für das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren ei­ne gro­ße Rol­le spie­len«, schreibt Kars­ten per Mail. Es ist auf­fäl­lig, dass es auch in Kiew we­der an der Bar noch bei den Uni­sex-Toi­let­ten lan­ge War­te­schlan­gen gibt. Al­les ist ge­räu­mig und ef­fi­zi­ent.
Er ha­be das Berg­hain nicht ko­pie­ren wol­len oder sol­len, so Kars­ten, aber na­tür­lich hät­ten sie dem Gan­zen auch »ein we­nig ›Berg­hain-Spi­rit‹ ein­imp­fen« wol­len. Die Gar­de­ro­be sei bei­spiels­wei­se kom­plett ko­piert, die gan­ze Äs­the­tik ist ähn­lich: ver­schie­de­ne Ar­ten von Be­ton und Edel­stahl. Zu­sätz­lich Guss­asphalt, Schaum­stoff, La­tex­vor­hän­ge – was aber auch da­mit zu tun hat, dass die­se Ma­te­ria­li­en ei­ni­ges aus­hal­ten kön­nen. Und müs­sen.

AN­NA
Drin! An­na gibt ih­re Ta­sche an der Gar­de­ro­be ab und hängt sich die Ket­te mit dem Me­tall­chip um den Hals. Kann so nicht ver­lo­ren ge­hen, egal, wie wild es wird. Auf dem Tre­sen ste­hen Scha­len mit Oro­pax und Tüt­chen mit ei­ner Plas­tik­kar­te und Zieh­röhr­chen, Zu­be­hör zum Dro­gen­neh­men. »Wird of­fen­bar laut und doll hier drin«, sagt sie. Ein Glatz­kopf mit Le­der­wes­te ne­ben ihr ver­sorgt sich da­mit und re­agiert über­ra­schen­der­wei­se auf Deutsch: »Des­we­gen sind wir doch da!« Noch mehr deut­sche Ra­ve-Tou­ris­ten al­so.
An­na und ih­re Freun­de wol­len di­rekt auf die Tanz­flä­che. Der Weg dort­hin führt ent­lang an groß­for­ma­ti­gen Bil­dern, ei­nes zeigt ei­nen eri­gier­ten Pe­nis, ein an­de­res ge­spreiz­te Bei­ne mit Loch in der Strumpf­ho­se. Die Drag-Wit­we sitzt auf mo­lus­ken­ar­ti­gen Din­gern, die aus­se­hen wie zu­sam­men­ge­schmol­ze­ne Dil­dos, und guckt ge­lang­weilt. Wei­ter am klo­bi­gen Bar­tre­sen vor­bei ge­langt die Rei­se­grup­pe Ost schlie­ß­lich ins neb­li­ge fins­te­re Herz des Clubs, zur Tanz­flä­che. Sche­men­haft zu­cken Ge­stal­ten im Stro­bo­sko­p­licht. Der Bass häm­mert von den Fuß­soh­len durch den Kör­per hoch bis zur Schä­del­de­cke. An­na greift in den Slip: das ro­sa­far­be­ne Pil­len-Herz.
Drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter sitzt sie auf der Be­ton­trep­pe, die zur zwei­ten Ebe­ne führt, und wird emo­tio­nal: »Ich bin so un­fass­bar pri­vi­le­giert!«, schluchzt sie. »Dass ich so ein­fach hier­her­flie­gen kann. Dass al­le mei­ne bes­ten Freun­de da­bei sind. Dass ich mei­nen Kör­per ak­zep­tie­re. Das ist doch al­les so ein ge­wal­ti­ges Glück!« Wei­te­re drei­ßig Mi­nu­ten spä­ter steht sie drau­ßen vor der Tür ne­ben der im­mer län­ger wer­den­den Schlan­ge. »Muss mal kurz run­ter­kom­men.«
BEN SHIN­DER
Ben Shin­der ist seit 48 Stun­den auf den Bei­nen, es ist fünf Uhr mor­gens. Erst war er auf dem Elek­tro­fes­ti­val »Strich­ka« im nicht weit ent­fern­ten Club Clo­ser, dann ist er schnell ins ∄.
Ben ist in Tel Aviv ge­bo­ren und hat in Ber­lin meh­re­re Un­ter­neh­men ge­grün­det, die al­le et­was mit Mo­de oder Tech­no zu tun ha­ben. Im Mo­ment pro­du­ziert der 31-Jäh­ri­ge zum Bei­spiel »Das Tech­no Team«, ei­ne So­ci­al-Me­dia-Platt­form, wo Mu­sik und Mo­de in Tanz­vi­de­os zu­sam­men­flie­ßen.
»Ich hab ei­nen har­ten Crush on Kiew«, sagt Ben im Hin-und-Her-Deng­lisch. Er spü­re ei­ne En­er­gie in der Stadt, die er aus sei­nen an­de­ren Wahl­hei­ma­ten ken­ne: die­ses har­te Auf­ein­an­der­pral­len von Sys­te­men und Welt­an­schau­un­gen.
Zwi­schen sol­chen star­ken po­li­ti­schen Po­la­ri­tä­ten pas­siert et­was, das viel­leicht nur je­ne Ber­li­ner Ra­ver noch ken­nen, die in den Neun­zi­gern mit schwe­ren Pla­teau­schu­hen in die Pan­ora­ma-Bar – ei­nen Teil des Berg­hains – mar­schiert sind und dort den Kal­ten Krieg, die Mau­er, die ent­täusch­ten Hoff­nun­gen für sich end­gül­tig in den Bo­den ge­stampft ha­ben.
»Aber Berg­hain ist mitt­ler­wei­le mehr nur ein Be­griff als ein kon­kre­ter Ort. Es gibt Berg­hain-Phä­no­me­ne wie The Block in Tel Aviv und Bas­sia­ni in Tif­lis.« Al­les Or­te zwi­schen Ex­tre­men.

AN­NA
Die Zeit be­ginnt zu zer­fal­len. Wie lan­ge steht An­na schon in der Mit­te ih­rer Ber­li­ner Rei­se­grup­pe Ost und häm­mert mit den Fäus­ten in die Luft? Es ist viel­leicht erst drei Uhr mor­gens. Oder doch schon sechs? Weiß kei­ner mehr. Ne­ben ihr win­det sich An­nas bes­te Freun­din mit ge­schlos­se­nen Au­gen und glück­li­chem Lä­cheln, der Ki­mo­no um­weht die schlan­gen­haf­ten Be­we­gun­gen. Ein an­de­rer Kum­pel ist auf dem Klo und legt ir­gend­was zum Wach­wer­den nach. Ein Pär­chen tritt sich im Bass fest. Er brüllt: »Ist schon wie das Berg­hain in klein!« Sie er­wi­dert: »Aber sau­ber! Hier kannst du ja so­gar was auf dem Bo­den ab­stel­len! Wür­de ich im Berg­hain nie!«
Rings­um ist jetzt Son­nen­bril­len­zeit: Um die ge­wei­te­ten Pu­pil­len vor dem zu­cken­den »Stro­bo« zu schüt­zen, ha­ben Ra­ver ih­re Neun­zi­ger­jah­re-Sport­bril­len auf der Na­se. Per­so­nen in String­tan­gas und Strumpf­mas­ken tän­zeln vor­bei, Män­ner mit frei­em Ober­kör­per ver­schaf­fen sich Platz, Lang­haa­ri­ge schüt­teln tran­ce­ar­tig ih­re Mäh­nen. Na­men, Ge­schlech­ter, Her­kunft – al­le Zu­ord­nun­gen sind sehr egal, wenn sich der Track un­end­lich hoch­schraubt. Schweiß glänzt. Un­ter­kie­fer mah­len. Hän­de hoch zur De­cke, zum Him­mel, zur Un­end­lich­keit.

RUS­LAN MAYS
»Tech­no ist ein Mo­ment«, sagt der DJ Rus­lan Mays. »Das kannst du nicht in ein­zel­ne Tracks zer­le­gen. Es ist ein Zu­stand, der al­le und al­les mit­ein­an­der ver­bin­det.«
Mays, wie er sich auch als DJ nennt, hat an die­sem Abend die Club­nacht er­öff­net. Nach ihm leg­ten haupt­säch­lich aus Ber­lin ein­ge­flo­ge­ne DJs auf – wie Kai­ser oder Fa­di Mo­hem.
Mays sitzt vor ei­nem La­tex­vor­hang bei der Gar­de­ro­be, ein Freund dol­metscht für ihn, weil er un­be­dingt et­was sa­gen möch­te: Das ∄ ha­be ihm die Mu­sik wie­der­ge­bracht. Der 40-Jäh­ri­ge hat schon seit sei­ner Ju­gend in Odes­sa Elek­tro­mu­sik auf­ge­legt, erst für Freun­de, dann auf Fes­ti­vals, dann für ein La­bel. Er zog nach Kiew, wo sich die ukrai­ni­sche Tech­no­sze­ne sam­mel­te, woll­te von dort aus wei­ter­jet­ten in die Welt. Freun­de von ihm wa­ren be­reits nach Ber­lin ab­ge­hau­en, leg­ten re­gel­mä­ßig auch im Berg­hain auf. Die gro­ße Frei­heit – er woll­te das auch.
Und dann kam der Eu­ro­mai­dan, je­ne De­mons­tra­tio­nen 2013 und 2014 ge­gen die pro­rus­si­sche Re­gie­rung von Vik­tor Ja­nu­ko­witsch, dann kam der Krieg auf der Krim, dann sein Burn-out. »Ich konn­te doch nicht ein­fach wei­ter­spie­len, wenn ne­ben­an ge­kämpft wird«, sagt er. Wo­zu denn auch. Da war ja nur noch Schmerz.
»Als ich zur ers­ten Par­ty hier im ∄ war, war der Bo­den noch vol­ler Staub und Schutt.« Al­les ein biss­chen so ka­putt und roh wie sein In­ne­res. Aber in­mit­ten des Staubs sei et­was pas­siert. Er ha­be ei­ne neue En­er­gie ge­spürt, er­zählt er, als hät­te die Stadt wie­der ei­nen Mo­tor, der auch ihn an­trieb. »Wir ukrai­ni­schen DJs wer­den jetzt an­ders wahr­ge­nom­men. Frü­her wa­ren wir über­all die Un­der­dogs.« Die­ser per­fekt ku­ra­tier­te, per­fekt aus­ge­stat­te­te, per­fekt in­sze­nier­te Club bringt die ukrai­ni­sche Tech­no­sze­ne auf ein an­de­res Le­vel. »Wir be­geg­nen an­de­ren Län­dern jetzt auf Au­gen­hö­he. Wir ge­hö­ren da­zu.«

AN­NA
Es ist nicht völ­lig dun­kel im Dar­kroom. De­zen­tes Rot­licht scheint un­ter den Bän­ken in den vie­len Ni­schen des La­by­rinths her­vor, so­dass An­na zu­min­dest noch den Typ mit dem nack­ten Ober­kör­per und der ra­sier­ten Brust er­kennt, den sie ge­gen sie­ben Uhr mor­gens an der Bar ken­nen­ge­lernt hat.
Ab­ge­schirmt von den an­de­ren Räu­men hört sie in den Ni­schen Stöh­nen, Klat­schen und Gur­geln. An­na war noch nie in ei­nem Dar­kroom, der in den meis­ten Clubs und Sau­nen auch nur von schwu­len Män­nern für an­ony­men Sex auf­ge­sucht wird. Mit dem Ber­li­ner Berg­hain ist der Dar­kroom für al­le Ge­schlech­ter und se­xu­el­len Prä­fe­ren­zen ge­öff­net wor­den – und auch das wur­de nach Kiew ex­por­tiert.
Der ober­kör­per­freie Mann zieht An­na an ih­rem Le­der-Har­ness zu sich ran. Es ist mehr als Knut­schen, aber we­ni­ger als Sex. Manch­mal kom­men an­de­re Män­ner vor­bei und fra­gen, ob sie mit­ma­chen dür­fen. An­na schickt sie weg. In der Ka­bi­ne ne­ben­an hört sie ein Mäd­chen sa­gen, dass es ge­ra­de sei­ne Un­schuld ver­lo­ren ha­be. Ihr ver­geht die Lust, der Vi­be ist weg.
Im Club herrscht jetzt akus­ti­scher Bru­ta­lis­mus. Die Bli­cke sind stur, die Be­we­gun­gen tran­ce­ar­tig. Jetzt bret­tert je­der nur noch sei­nen ei­ge­nen Trip ent­lang. Die an­de­ren aus der Rei­se­grup­pe sind ir­gend­wie weg und das Geld auch. We­nigs­tens der Gar­de­ro­ben­chip ist noch da. An­na zieht die Blu­se über den Le­der­gurt und tritt ins Hel­le.

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