Die DDR-Bürgerrechtlerinnen Marianne Birthler und Ruth Misselwitz haben sich in den Achtziger Jahren aktivistisch für Frieden und Freiheit eingesetzt. Heute gehen ihre Meinungen über Waffenlieferungen an die Ukraine weit auseinander. Ein Wiedersehen.
erschienen im Buchband „Haltet die Freiheit hoch. 35 Jahre Mauerfall“
(Hrsg: Kulturprojekte Berlin)
„Russian warship, go fuck yourself“, liest Marianne Birthler langsam vor. Sie steht vor dem Schaufenster eines Projektraums in Berlin Mitte. Morgensonne fällt auf das Fensterglas, hinter dem ukrainische Antikriegs-Aktivist*innen ihre Versionen von Navigationsflaggen aus der Schifffahrt ausgestellt haben. Birthlers Augen streifen über die bunten Flaggen: kariert, gestreift, mit Rauten, Kreisen, Dreiecken. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen“, sagt die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin. Sie wird heute selbst noch Flagge bekennen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine: Soll man die Ukraine militärisch unterstützen oder nicht? Das Thema treibt sie um. Birthler hat darüber bereits öffentlich gesprochen. Als eine der bekanntesten Gesichter des Widerstands gegen das SED-Regimes meldet sie sich immer wieder zu Fragen von Demokratie, Freiheit, Menschenrechten zu Wort. Aber heute wird es persönlich. Birthler wird eine
Weggefährtin von damals treffen: Ruth Misselwitz. Beide sind Mütter, Kirchenfrauen, DDR-Regimekritikerinnen, Friedensaktivistinnen. Aber welche Lehren die Frauen aus ihrer aktivistischen Zeit für die heutige Konflikte mitgenommen haben, gehen weit auseinander. Für dieses Buch wollen sie sich wiedertreffen und darüber sprechen.
Marianne Birthler schließt ihren Kleinwagen auf, Kennzeichen 8990. „In diese Zeit würde ich zurückreisen, wenn ich könnte“, sagt sie und lacht. Einerseits: „Wir waren jung und hatten einfach eine verdammt gute Zeit.“ Andererseits kreist ihr ganzes Leben um genau diesen Kumulationspunkt deutscher Geschichte. Während die Ost-Berlinerin den Wagen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze navigiert, erzählt sie von ihrer damaligen Arbeit in der evangelischen Kirche: Sie ließ sich als Gemeindehelferin ausbilden, arbeitete in der Kinder- und Jugendarbeit im Prenzlauer Berg, war Jugendreferentin im Stadtpfarramt von Ostberlin. Die Kirche sei ein Ort des freien Denkens und Redens gewesen, sagt sie. Das habe sie in der DDR attraktiv für ganz unterschiedlich gesinnte Freigeister gemacht. Damals vereint im Kampf gegen die Unterdrückung, heute verstreute Bruchstücke einer zersplitterten Gesellschaft.
Birthler kurvt schwungvoll bis zum Marktplatz in Pankow, parkt im Parkverbot – „naja so ein Zettelchen kann man ja auch mal kassieren“ -, überquert schräg die vielbefahrene Kreuzung und geht schnurstracks zur Backsteinkirche „Zu den vier Evangelisten“. Über der Eingangspforte hängt ein Transparent, auf dem in Regenbogenfarben und in 10 Sprachen steht: „Selig sind, die Frieden stiften“. Vor mehr als 40 Jahren hatte sich mit dem gleichen Bibelspruch auf einem Schriftband unter der Decke der Kirche der Pankower-Friedenskreis gegründet. Eine der Gründer*innen steht in dunkelblauem Kleid, rotem Bubikopf und Perlenkette in einem Seitenraum der Kirche und kocht Kaffee.
„Ach hier bist du!“, ruft Marianne Birthler als wäre es eine Überraschung. Ruth Misselwitz war seit 1981 Pastorin der Kirche. Der kleine Versammlungsraum mit Tee- und Kaffeeküche ist ihr zweites Wohnzimmer. Die Frauen umarmen sich mit der Vertrautheit alter Bekannter. „Was kann ich machen?“, fragt Birthler, schnappt sich gleich ein Messer und schneidet Streuselkuchen in mundgerechte Stücke. Ein bisschen Smalltalk voller „Kennst-du-noch-und-weißt-du-schon, ein bisschen Kichern. Dann Offensive: „Ruth, das freut mich ja in doppelter Hinsicht, dass das heute klappt, weil wir haben ja ewig nicht miteinander gesprochen“, sagt Birthler. „Das letzte mal haben wir uns in der Versöhnungskirche, gesehen, als ich über den Ukraine-Konflikt gesprochen hatte. Ich dachte, wir könnten danach noch ein bisschen reden, aber dann warst du weg. Vermutlich verärgert.“ Misselwitz lacht etwas zu laut, entkräftet aber nicht, stellt eine Kerze auf den Tisch. „Hat jemand Streichhölzer?“
Als die beiden Frauen vor den weißen Tellern und Tassen sitzen, soll es erstmal um die Anfänge gehen. Wo hat ihr politischer Weg begonnen? „Am 24. Oktober 1981“, sagt Ruth Misselwitz wie auf Knopfdruck.
Die studierte Theologin ist damals 30 Jahre alt und hat gerade erst vor ein paar Wochen ihre Stelle als Pfarrerin in der Gemeinde Alt-Pankow angetreten, als sie an jenem späten Oktobertag in ihrer Kirche einen Gemeindetag einberuft. Das Motto: „Für den Frieden, gegen Todsicherheit“. Im Altarraum steht eine große Papierwand, auf die die Menschen ihre Sorgen aufschreiben sollen. „Abrüsten“ notiert einer, „Friedenskunde statt Wehrkunde“ ein anderer, man will „keine Atomübungen mehr“ und vor allem „keinen Krieg – auch nicht für keinen Krieg“. Später geht eine Liste herum für Interessierte an einem Friedenskreis. Etwa 300 unterschreiben mit Klarnamen und Adresse. „Das war sehr mutig“, sagt Misselwitz. Denn dass die Stasi auch dabei sein würde, war allen von Anfang an klar. „Aber wir haben unser Schweigen nicht mehr ausgehalten“, setzt Misselwitz nach. Sie habe sich als junge Frau häufig mit anderen kritischen Menschen heimlich in wechselnden Wohnzimmern getroffen. Als an einem Silvesterabend ein geheimes Papier herumgegeben wurde, auf dem die Positionen und Reichweiten von Atomraketen der NATO verzeichnet waren, packte Ruth Misselwitz die Angst. „Meine Heimatstadt Luckau wäre im Falle eines Krieges weg gewesen“. Ihr sei immer klar gewesen, dass die Sowjetunion ähnliche Raketenpläne hatte – und konnte kaum noch schlafen. Die kalte Angst vor einem Kalten Krieg kroch ihr den Rücken hoch. Zusammen mit ihrem Mann Hans Misselwitz sowie den Freunden Martin Hoffmann, Freya Klier und Vera Lengsfeld gründet sie mit etwa 40 Leuten von der Liste wenig später den Pankower-Friedenskreis.
Marianne Birthler war nicht dabei. „In vielen Städten gab es solche Gruppen“, sagt sie. Nicht nur Friedensgruppen, auch Frauengruppen, Schwulengruppen, Ökogruppen haben sich unter den Dächern der Kirchen versammelt, die wenig einte außer: der gemeinsame Feind der Unterdrückung. Das ganze Spektrum der Oppositionsbewegungen nutzte das Schlupfloch der„gottesdienstlichen Veranstaltung“, die nicht von der SED-Regierung angemeldet und genehmigt werden mussten.
Birthler: Irgendein Lied oder eine Andacht musste da aber schon immer dabei sein.
Misselwitz: Da habe ich mich richtig theologisch profiliert, weil da so viele unterschiedliche Menschen in der Kirche waren, die mit Gott erstmal gar nichts anfangen konnten.
Birthler: Die Bibeltexte haben damals richtig geleuchtet, weil viele davon ja auch von Verfolgung und Unterdrückung erzählen. Das war eine besondere Stimmung.
Wo haben sich die beiden schließlich getroffen? „Na auf jeden Fall in den Friedenswerkstätten in der Erlöserkirche!“, sagen sie einhellig. Es herrscht jetzt gute Stimmung an der Kaffeetafel, weil: das waren die guten Zeiten. Junge Teilnehmer aus Friedensinitiativen aus ganz Deutschland kamen in der Kirche in Lichtenberg zusammen, bauten Stände auf, zeigten ihre Arbeit, lauschten Liedermachern, guckten Kunst an – vor allem aber redeten sie so frei wie nirgends sonst über das, was sie sich wirklich von ihrem Land wünschten. „Das war wie auf einem Markt der Möglichkeiten“, sagt Birthler und beide Frauen sind für einen Moment zurück in diesen widerständigen Jahren, in denen die DDR-Propaganda oft ans Lächerliche reichte.„Wir haben ja alles für den Frieden gemacht“, sagt Birthler ironisch, „sogar Wertstoffe gesammelt.“ Misselwitz nickt lachend. „Friedensstaat! Und gleichzeitig führte die Partei Wehrerziehung als Unterrichtsfach ein!“ Die beiden Frauen schaukeln sich in ihren Erinnerungen hoch. „Das Gewehr ist eine gute Sache, wenn es für eine gute Sache ist – an diesen Satz aus der Schulzeit erinnere ich mich noch!“ , sagt Birthler und beide kichern. Es wird dieser Satz sein, an dem die beiden später nicht mehr zusammenkommen.
Birthler und Misselwitz gehen jetzt in aktivistische Details: wie kam das Symbol Schwerter-zu-Pflugscharen auf die Parkas? Wie kam die Druckertinte auf die Flugblätter? Wie kamen die Informationen an Westjournalisten? Birthler erzählt vom zwangsausgebürgerten DDR-Dissidenten Roland Jahn, der Kameras in die DDR schmuggelte. Es könnte revolutionsromantisch werden, aber Misselwitz geht plötzlich hart dazwischen: „Wir haben uns mit Westjournalisten zurückgehalten!“ Nur ein einziger Journalist habe mal über den Pankower-Friedenskreis berichtet, „aber wir wollten nicht für Westpropaganda benutzt werden!“ Birthler hatte diese Berührungsängste nach Westen nicht, aber nickt verständnisvoll. Noch.
Wie nah fühlt man sich dem Westen? Diese Frage wird in den Schicksalsjahren 89/90 entscheidend. Einige Bürgerrechtler*innen aus dem Neuen Forum wie Marianne Birthler wollten die DDR zunächst reformieren und demokratisieren – oder wie sie es nennt: „Ich wollte auf Augenhöhe mit dem Westen verhandeln.“ Andere Gruppen wie der Demokratische Aufbruch drängten zu einer schnellen Wiedervereinigung. „Und dann gab es auch noch einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus“, sagt Ruth Misselwitz, „aber dafür war keine Zeit, die Ereignisse überstürzten sich.“ Birthler schüttelt den Kopf. „Auch wenn wir die Zeit gehabt hätten, wäre das nichts geworden.“ Mit der deutsch-deutschen Einheit passiert eine ostdeutsch-ostdeutsche Spaltung: gerade jene Gruppen, die sich einst so verschwörerisch unter den Kirchendächern getroffen hatten, strebten in unterschiedliche Richtungen. Misselwitz bleibt Pfarrerin in ihrer Kirche, moderiert den Runden Tisch in Pankow zur Aufklärung der Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989, setzt sich in den Neunziger Jahren im Bürgerkomitee gegen Rechtsextremismus und Gewalt ein und ruft insgesamt 40 Jahre lang den Friedenskreis in ihrer Kirche zusammen. Birthler geht dagegen direkt in die Politik. Sie diskutiert am Runden Tisch, wird Abgeordnete, Ministerin und Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. „Bis heute werde ich aber vor allem als Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen vorgestellt“, erzählt sie, jener Behörde, die von sie Joachim Gauck übernommen hat, um systematisch die Verbrechen der DDR-Diktatur aufzuarbeiten.
Das Gespräch geht jetzt seit einer Stunde, die beiden Rentnerinnen wissen, dass das kein Kaffeekranz ist, sondern eine Spurensuche. An welcher Stelle sind nicht nur die Lebenswege, sondern auch die Vorstellungen von Frieden auseinandergebrochen?
Birthler geht zurück in das Jahr 1993 zum Sonderparteitag der „Bündnis90/Die Grünen“, deren Bundesvorstandssprecherin sie war. „Das war traumatisch“, sagt sie. Im Saal habe eine aggressive Stimmung geherrscht, denn es ging um etwas, dass nicht nur Birthler, sondern die grüne Partei insgesamt für immer verändern sollte: Eine Gruppe von etwa 30 Personen plädierte dafür, militärische Mittel im Bosnienkrieg als ultima ratio einzusetzen. Die Pazifist*innen aus Ost und West waren schockiert, stritten erbittert, lehnten schließlich den Vorschlag ab. „Ich sah den jüdischen Intellektuellen Daniel Cohn-Bendit weinend am Rand des Saals stehen, der in seiner Rede gesagt hatte: ‚Wenn die westlichen Alliierten damals nicht in Deutschland militärisch eingegriffen hätten, dann gäbe es mich nicht‘.“ Als er das Podium verlassen habe, habe ihm jemand „Du brauner Jude!“ zugezischt. Birthler schließt sich dem Realo-Flügel der Grünen an, die nach einer Balkanreise von Vergewaltigungen an Frauen und überfallenen Hilfskonvois berichten. 1995 werden serbische Soldaten in Srebrenica einen Genozid vor den Augen von Nato-Soldaten ohne Schießbefehl verüben. Mit einem solchen brutalen Krieg vor der Nase stellt sich die Frage nach Friedenspolitik für die Politikerin Marianne Birthler neu: Ist der Westen verpflichtet, Menschenrechte notfalls mit Waffengewalt zu schützen? Ist eine Waffe eine gute Sache, wenn sie für eine gute Sache ist? Birthler findet jetzt: ja. Misselwitz bleibt beim: nein.
Misselwitz: „Ich verstehe, dass du dich positionieren musstest. In dieser Lage war ich ja nicht. Aber mich hat das Separations-Bedürfnis der einzelnen Staaten damals schon sehr besorgt. Das war eine nationalistische Welle, die da losgetreten wurde. Ich hätte mir gewünscht, dass da Europa stärker moderiert und die Wellen nicht noch vergrößert, in dem es einzelne Staaten anerkennt.“
Birthler: „Mein politisches Umfeld hat es begrüßt, dass sich nach dem Ende einer Diktatur verschiedene Identitäten endlich wieder formieren dürfen. Das ist doch ein selbstverständlicher Prozess, dass sich die Menschen wieder auf ihre Wurzeln besinnen. Jugoslawien war eine Zwangsgemeinschaft – genau wie die Sowjetunion.
Misselwitz: „Was in Jugoslawien passiert ist, ist in vielen Teilen der ehemaligen Sowjetunion passiert: dass Minderheiten, Ethnien und Religion systematisch gegeneinander ausgespielt werden, um neue nationalistische Machtstrukturen zu etablieren. Das ist ganz gefährlich und passiert jetzt in der Ukraine wieder. Das führt nicht zu einem Miteinander.
Birthler: Zu einer Nation zu gehören, erzeugt ein Wir-Gefühl. Und das ist etwas Positives.
Misselwitz: Ich stimme dir dabei zu, dass die Suche nach Identität normal ist. Und vielleicht kann man erst tolerant sein, wenn man diese Identität auch ausleben darf. Aber wenn Identitätsfindung zu Hass führt, kann ich nichts Gutes daran finden.“
Die Stimmung im Raum wird jetzt angespannter, trotzdem lassen sich die beiden Frauen aussprechen und hören einander genau zu. Misselwitz hält ihre Hände fest ineinander verhakt. Wenn ihr ein Gedanke missfällt, geht ihr Blick starr zu Boden. Ganz anders die Körperhaltung von Birthler, die ihre Arme hinter dem Kopf verschränkt und sich dadurch mehr Raum nimmt. Man möchte darin die widerstrebenden Grundhaltungen erkennen: Festhalten an Überzeugungen versus Aufmachen für Neues.
Das Gespräch nähert sich dem kritischen Punkt: Russlands Angriff auf die Ukraine. Ruth Misselwitz erinnert sich an diesen 24. Februar 2022. Sie saß wieder in einem Diskussionskreis mit sieben Freund*innen – diesmal an einem Lagerfeuer – und überlegte, wie man sich nun verhalten solle. Die alte kalte Angst vor einem Krieg kroch wieder hoch. Was brauchten die Menschen jetzt am dringendsten: sowohl die Ukrainer*innen als auch andere Nationalitäten? Wo liegen die eigenen Kapazitäten? Misselwitz glaubt, dass es bei einer solchen Verletzung wie einem Angriffskrieg zunächst um eines geht: Trost. Sie rief zu einem schweigenden „Trauerweg“ zur ukrainischen, russischen und anfangs auch US-amerikanischen Botschaft auf, der die Opfer des Krieges auf allen Seiten betrauert. Nach Protesten endet der Trauermarsch später nicht mehr vor der US-Botschaft, sondern am Brandenburger Tor.
Birthler: Für mich kam es von Anfang an überhaupt nicht in Frage, an diesem Trauerweg teilzunehmen, weil das für mich eine falsche Äquidistanz ist. Theoretisch ist mir natürlich klar, dass jedes verlorene Menschenleben Trauer verlangt, aber ich kann das nicht von der politischen Ebene trennen. Da wird ein Land genozidal von einem anderen angegriffen! Insofern hat die Ukraine alles Recht der Welt, sich zu verteidigen – aber sie kann es nicht allein und braucht die Unterstützung des Westens. Es gibt mir einen Stich, wenn ich wegen dieser Haltung als Kriegstreiberin gelte. Natürlich geht es mir um Frieden, aber damit wir an einen Verhandlungstisch kommen, müssen wir doch gleiche Verhältnisse schaffen.
Misselwitz: Wenn wir verstehen wollen, wie wir aus diesem Konflikt wieder rauskommen können, müssen wir sehen, wie es zu diesem Konflikt gekommen ist. Und da sehen wir, dass auch Putin ein Sicherheitsbedürfnis besitzt gegenüber einer sich in der Vergangenheit ständig erweiternden NATO. Wir müssen das wahrnehmen und erst dann können wir über Rüstungskontrolle reden.
Birthler: Das setzt voraus, dass man von zwei gleichwertigen Blöcken spricht, die das gleiche Recht haben sich zu entfalten. Das sehe ich aber nicht: wir haben autoritäre Systeme einerseits und demokratisch organisierte andererseits. Die haben doch nicht die gleiche Daseinsberechtigung! Russland hat es nie verwunden, dass es 1990 seinen Einfluss über so viele Länder verloren hat.
Misselwitz: Alle großen Kolonialmächte trauern ihrer einstigen Einflusssphäre hinterher. Da hilft es doch nicht, wenn wir noch demütigend draufhauen.
Birthler: Du kannst doch Russlands Aggressionen nicht mit dem Postkolonialismus von Frankreich oder England vergleichen!
Misselwitz: Aber du redest doch selbst davon, dass Russland seine imperiale Stellung verloren hat!
Birthler: Wenn es überhaupt mal eine Chance auf Frieden geben soll, muss Putins Diktatur geschwächt werden. Ich weiß nicht, wie das letztlich passieren wird – vermutlich von innen. Aber bis dahin muss er davon abgehalten werden, andere Länder zu überfallen.
Misselwitz: Das ist nicht meine Überzeugung. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es auch andere kulturelle Hintergründe gibt als unsere westlichen, aufgeklärten Werte. Die katholische Kirche ordiniert auch immer noch keine Frauen. Aber würden wir deswegen den Vatikan bombardieren? Wir müssen in einer multipolaren Welt mit unterschiedlichen Überzeugungen leben.
Die Sprechgeschwindigkeit der beiden hat jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Die Überzeugungen preschen heraus. Sie sprechen sich jetzt mit Vornamen direkt an, schütteln den Kopf, wenn die andere spricht. Die Gesichtszüge verhärten sich. „Ich hätte niemals…“, sagt die eine. „Wir müssen aber“, sagt die andere. Die Diskussion schaukelt sich soweit hoch bis nur noch eine Frage bleibt:
Wie bleiben wir sprechfähig?
Ruth Misselwitz erinnert sich an ein Spiel, die sie oft im Pankower Friedenskreis gemacht haben: „Sich in die Mokassins der anderen stellen“. Zu DDR-Zeiten war die indigene Bevölkerung der USA oft eine Inspiration. Es gehe bei dem Spiel darum, sich in den Gegner hineinzuversetzen, seine Perspektive einzunehmen.
Birthler: Du wärst bereit, dich in Putins Mokassins zu stellen?
Misselwitz: Ja natürlich, Ich will doch verstehen, was ihn zu so einem Mist treibt.
Birthler: Ich will den nicht verstehen. Und vielleicht ist das genau der Unterschied: Mein Weg zum Frieden führt nicht über Verständnis, sondern über massiven Druck.
Nach diesem Schlagabtausch wird es still im Gemeinderaum. Der Kaffee in den Tassen ist kalt, der Streuselkuchen wurde kaum angerührt. Die beiden Frauen haben alles gesagt. Sie atmen tief ein und aus, wirken erschöpft, aber es ist keine Feindseligkeit zu spüren. Während die beiden gemeinsam den Tisch abräumen, wechseln sie wieder die Ebene – zurück in die Vertrautheit, ins Plaudern und Lachen. Marianne Birthler und Ruth Misselwitz werden beide ihre Positionen nicht ändern, aber zumindest kennen sie jetzt die Mokassins der anderen.





