Dagmar und der westdeutsche Blick

Plattenbauviertel, unkenntlich gemachte Denkmäler und Billig-Discounter: Die Fotografien von Philipp Baumgarten haben ein Dutzend namhafte Autorinnen und Autoren wie Lukas Rietzschel, Valerie Schönian oder Paula Irmschler dazu inspiriert, ihre Erfahrungen in der Nachwendezeit zu beschreiben. Ihre Stimmen geben Einblick in eine Generation, deren ostdeutscher Hintergrund oft wie ein Phantomschmerz erscheint.
In ihrem Essay blickt Greta Taubert in den Spiegel und fragt sich, wo der „westdeutschen Blicks“ bis heute präsent ist.

Der Beitrag erschien im Sammelband „Ostflimmern – Wir Wendemillenials“ (Hg. Philipp Baumgarten / Annekatrin Kohout) im Mitteldeutschen Verlag


Auszug:

“ Das weite Blicken fiel den Ostdeutschen deutlich schwerer als dem Investor. Ich weiß nicht, was aus dem Mann geworden ist, der meine alte Schule in ein schickes Ferienhotel umwandeln wollte; vielleicht erblickt er jetzt woanders große Möglichkeiten. Aber als ich mit 18 Jahren aus dem Dorf wegging, waren fast alle von den Dörflern neu gegründeten, bunt bemalten Läden bankrott. Das Minikaufhaus mit
pinkfarbenem Spielzeug und sauren Schlangen, die Drogerie mit Perlweiß, dem
Raucherzahnweiß, der Souvenir-Laden mit Wanderstockpins, später auch der Bäcker und der Konsum. In den ehemaligen Schaufenstern sah man hinter weißen Höffner-Gardinen tagsüber Orchideen und lustige kleine Töpferfiguren stehen. Nachts rasselten die Rollläden und schluckten die letzte Blüte ins Dunkle. Es war, als wollte man im Dorf erstmal nicht mehr gucken – vor allem aber nicht mehr mit fremden Augen angeguckt werden.

Es ging niemandem schlechter im Dorf, aber ging es wirklich besser? Als Teenager besaß ich bereits eine greisenhafte Sentimentalität zu dieser Zeit vor unserer Zeit. Ich fühlte mich wie von einem Transformations-Trauerflor des „Ich-kenne-was-das-kommt-niewieder“ umwickelt – und hoffte, dass man mir das nicht ansah. Als ich wegging aus der ostdeutschen Provinz versuchte ich den lästigen DDR-Nachwende-Schatten abzustreifen und nicht als Ostdeutsche aufzufallen. Meine Herkunft erschien mir in den bundesdeutschen Großstädten nicht besonders attraktiv. Ich spürte den westdeutschen Blick auf mir als wäre ich jetzt die ostdeutsche Klappcouch Dagmar unter den Biedermeier-Sesseln – und versuchte mich entsprechend zu verhalten.“

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