Was uns zusammenschweißt

Was uns zusammenschweißt

Kein Volk in Europa schwitzt so gern in nackter Gesellschaft wie wir Deutschen. Was finden wir eigentlich daran? Für eine Antwort legte die Autorin Greta Taubert die Hüllen ab und reiste durch die Saunarepublik Deutschland. 

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Da steht ein Schrank von Mann auf den Fliesen und wartet auf mich. Sein Körper voller Narben, um die Lenden ein schwarzes Handtuch, auf dem Kopf ein heller Filzhut. Rustam ist ein zwei Meter großer Artist aus Usbekistan, seine Adiletten schlappen über den grauen Marmor zu einer Plastikschüssel, aus der er einen Reisigbesen aus sibirischen Eichenzweigen holt. Es duftet kurz nach der Weite russischer Wälder. Dann richtet er sich auf, seine Augen suchen etwas. Mich. Rustam brummt: »Spezialbehandlung.« Er drückt die Tür zu einer Saunakabine auf, in der junge Männer mit kurzen Haaren, starken Armen und goldenen Ketten sitzen. Sie sagen etwas auf Russisch. Die Luft hat 120 Grad.

Diese Banja im Keller eines Plattenbaus mitten in Berlin-Ma­rienfelde ist der heißeste Ort, an dem ich je war. Sie heißt »Meteliza«, was Schneesturm bedeutet. Ich weiß wirklich nicht, ob ich friere oder schwitze. Rustam zeigt mit der Hand auf die untere Holzbank. Ich breite das Handtuch aus, lege mich bäuchlings darauf. Die Hitze sticht in meine Nasenschleimhäute und Augen. Ich presse das Gesicht fest in das Handtuch. Dann spüre ich die heißen Spritzer des tropfenden Eichenlaubs auf dem Rücken. Der Besen klatscht auf meinen Nacken, meine Lende, meinen Hintern. Rustam holt noch mal aus.

Ich bin auf Recherche. Deutschland ist Sauna-Land, und ich will wissen, warum. Nirgendwo sonst in Europa schwitzen Mann und Frau so gern gemeinsam komplett hüllenlos wie in Deutschland. In Südeuropa, England und Frankreich geht man mit Badebekleidung in die Hütte. Und selbst in Finnland, wo die Sauna ursprünglich herkommt und erst 1936 zu den Olympischen Winterspielen nach Deutschland für die finnischen Sportler mitgebracht wurde, bleibt das Schwitzen zumindest öffentlich meist geschlechtergetrennt. Für die amerika­nische Historikerin Dagmar Herzog ist Nackt­heit ein deutsches Phänomen. Sie erklärt das mit dem vergangenen Jahrhundert und seinen unterschiedlichen Nacktheitskulten: den Naturisten der 20er-Jahre, der sexuellen Befreiung durch die 68er, der FKK-Kultur in Ostdeutschland und schließlich mit dem Wellness-Boom der 80er- und 90er-Jahre: Der Deutsche ist halt einfach gern nackt.

Meine Reise beginnt, wo auch die deutsche Sauna­geschichte beginnt: in der ältesten frei stehenden Sauna Deutschlands. Aus dem triefenden Grau der Großstadt fährt der Zug in die heile Bergwelt Oberbayerns. Vor dem Fenster schneebedeckte Gipfel, weidende Rinder, verstreute Holzhüttchen. Spielzeugeisenbahnidylle. Das Hotel »Tannerhof« nennt sich selbst ein »Versteck in den Bergen«. Zivilisationsmüde Städter stellen hier den Rollkoffer neben die Eichenbetten mit Spitzen-Bettwäsche, schalten das Handy aus und versuchen die Beschädigungen der Moderne zu kurieren. 1904 erwarb der Arzt und Anhänger der Reformbewegung, Christian von Mengershausen, ein altes Bauernanwesen im verträumten Bayrischzell. In der Abgeschiedenheit gründete er eine »Kuranstalt für physikalisch-diätische Therapie«, um die von der Industrialisierung entfremdeten Menschen zurück zur Natur zu führen. In den Gängen, Therapieräumen und im Badehaus ist das alte Sanatorium für Naturheilverfahren noch spürbar. »Wir wollen kein Kulissenhotel sein«, sagt Inhaberin Burgi von Mengershausen.

Der Tag beginnt bei mir um 8.35 Uhr mit einem kalten Guss im Badehaus. Ein Therapeut steht schon mit einem Schlauch bereit, dessen Wasser er mir von den Fußsohlen über die Waden bis über das Knie wandern lässt. Streng nach den Ideen des bayerischen Priesters und Hydrotherapeuten Sebastian Kneipp: kalt und warm im Wechsel. Die Güsse setzen auf die natürlichen Reaktionen des Körpers bei wechselnden Reizen – genau wie das Saunieren. Durch die Hitze in der Sauna wird ein künstliches Fieber erzeugt. Wie beim echten Fieber werden dadurch Immunzellen aktiviert. Das kalte Wasser hinterher entspannt die Muskeln und regt den Kreislauf an. Kneipp kannte noch nicht die Sauna nach finnischem Vorbild. Und auch auf dem »Tannerhof« baute erst die zweite Generation 1936 das dunkle Holzhüttchen.

Auf der Saunabank treffe ich Bianca aus Nürnberg. Sie hat kleine Schweißtröpfchen auf der Nase und ein Tribal-Tattoo auf der Schulter. Sie erzählt, dass sie als Steuerfach­angestellte bei einem amerikanischen Verschleißteilhersteller arbeitet. »Die Amerikaner kaufen immer neue Firmen auf, aber stellen niemanden ein, der dafür die Büroarbeit übernimmt. Ich musste raus und einfach mal weg sein.« Sie schwitzt sich den Ärger über den Verschleiß des Verschleißteilherstellers heraus. Ärzte, Geschäftsleute, Angestellte: Sie alle wollen runterkommen. Mal ganz bei sich sein. Im Dunkel der Saunakabine klappt das sehr gut.

In einem Hinterhof eines ehemals besetzten Hauses in Berlin-Kreuzberg finde ich das erste türkische Dampfbad Deutschlands. Der linke Eingang der Schokofabrik führt zum gleichnamigen Frauenberatungszentrum, der rechte zum feministischen Hamam. Als ich klingle, öffnet eine junge Frau mit einem rot-weiß-karierten Leinentuch um die Hüften. »Termin?« Ich nicke und stehe kurze Zeit später in einer anderen Welt: rote, lederbezogene Diwans, bunte Kissen, eine Etagere mit frischen Früchten. Während ich heißen schwarzen Tee nippe, setzt sich Helga Röhle zu mir, die das Frauenzentrum und den Hamam leitet. Sie sagt, beides passe gut zusammen. In der geschützten Atmosphäre könnten Frauen ihre Verletzlichkeiten zeigen, ihre Sorgen offenlegen. Das spürten die Frauen sofort und öffneten sich, wie sie es im Alltag nicht immer könnten. »Da werden andere Emotionen frei«, sagt sie. »Und wir können mit Beratungsangeboten des Frauenzentrums weiterhelfen.«

Ich gehe in einen engen Umkleideraum. In den Spinden verschwinden die Kopftücher, Hipstermäntel, Parkas der Frauen. Als wir heraustreten, sind wir alle gleich. Im Keller gibt es eine finnische Sauna, zwei Duschen, Separées für Anwendungen und das eigentliche türkische Bad. Auf einem angewärmten, leuchtenden Stein, der größer als ein Futonbett ist, ruhen einige Frauen. In den blau gekachelten Wänden öffnen sich Nischen mit Waschbecken, dorthin haben sich paarweise Freundinnen gesetzt und gießen sich mit silbernen Schälchen gegenseitig Wasser über den Körper, massieren einander den Nacken, tragen Peelingmasken auf. Ich höre das Rauschen der Wasserhähne, flüsternde Gespräche, helles Lachen. Die Szenerie ist so überwältigend schön wie eine antike Malerei eines Mädchenreigens. Männer hätten vermutlich noch andere Assoziationen.

Arzu, eine kleine Frau mit Gummihandschuhen und Gummischürze, zieht einen weißen Vorhang zur Seite, hinter dem eine Pritsche steht. Ich habe mich für ein traditionelles türkisches Ganzkörperpeeling entschieden, Kese genannt, und Sabunlama, eine Seifenmassage. Das habe ich mal auf einer Reise durch den Nahen Osten mitgemacht. Es war eines der schmerzhaftesten körperlichen Erlebnisse, das ich mit einer Frau je hatte. Das sage ich auch, Arzu lacht. Das habe sie auch schon erlebt. So reden wir über Schmerz und Schönheit. Die Sauna, so begreife ich allmählich, ist mehr als eine Holzkabine mit einem Ofen drin. Sie ist ein Mikrokosmos, in dem sich alles Menschliche unverstellt offenbart. Sorgen, Ängste, Krankheit, Einsamkeit. Aber auch Gemeinschaft und Kommunikation.

Ich frage mich, ob eine Sauna auch politisch sein kann, und bekomme von einem Freund den Hinweis auf einen zur Guerilla-Sauna umgebauten Wohnwagen in Hamburg: die »Zunderbüchse«. Mit der S-Bahn fahre ich auf die Elbinsel, steige in einen Bus bis zur Haltestelle Wilhelmsburg, passiere Arbeitersiedlungen und dunkle Straßen. Im Neonlicht von zwei Discounter-Schildern sehe ich den acht Meter langen Wohnwagen. An der Verkleidung hängt ein Rettungsring, und eine Lichterkette, innen ist genug Platz für eine kleine Saunakabine mit Holzofen, eine Umkleide, Teeküche, Sitzecke und Liegefläche. Während die Initiatoren der Sauna den Ofen anfeuern, Teewasser aufsetzen und ich mich in meinen Bademantel schwinge, erzählen sie, wie der Wagen zum Vehikel künstlerischen Protests wurde.

In Wilhelmsburg gab es eine Schwimmhalle. Als sie gebaut wurde, hatten die Architekten vergessen, eine Sauna zu integrieren. Es gab Proteste und sogar eine Bürgerinitiative. Letztlich knickten die damaligen Stadtväter ein und ließen einen kleinen Saunabereich dazubauen. Als die Schwimmhalle vor zwei Jahren abgerissen und neu gebaut wurde, wiederholte sich die Geschichte. »Ich dachte: Alle regen sich immer nur auf. Wir sollten etwas tun«, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sanne Neumuth. Sie fand Florian Tampe, der als Künstler Saunen schon lange als intensive soziale Räume begreift – und nachbaut. Zusammen starteten sie das Projekt »Verschwitzt« und schoben am Eröffnungstag einen Saunawagen vor den Schwimmbadeingang. Dort mussten sie weg und suchten danach immer neue Quartiere für ihre mobile Schwitzhütte.

Heute kommen immer mehr Nachbarn und Sauna­freunde. Junge Mütter, ein älteres Paar, Kreativarbeiter, Wissenschaftler. Sie haben über Facebook oder den Buschfunk erfahren, dass heute die Hütte brennt. Ein Gast hat vor ein paar Wochen zusätzlich zu den zwei Sitzbänken noch einen Hochsitz aus Birkenästen eingebaut. Weil er mit seinem Hund lieber oben saß. Die Zunderbüchse funktioniert genauso: Leute sollen sich einbringen und nicht nur konsumieren. Mit Feuerholz, Decken, Arbeitskraft. Sie sollen spenden und nicht bezahlen. »Das ist vielen Hamburgern suspekt«, sagt Florian. Es entspinnt sich eine Diskussion über das »Recht auf Stadt«, über Gemeinwohl und Engagement. Wir diskutieren hitzig und kühlen uns danach auf dem Parkplatz ab. Wir beruhigen uns eingehüllt in Fleecedecken, nippen Tee, werden miteinander wärmer.

Während meiner Ausflüge in die Saunen der Republik passiert mir das immer wieder: Ich komme eingehüllt in Kleidung, Vorbehalte, Fremdheit an – und kann dann nicht anders, als all das abzulegen. Vielleicht ist es die Hitze des Moments, das Fieber im Körper oder das bloße Sein, dass mich mit den anderen Saunisten regelrecht zusammenschweißt. Ich wollte vor dem kalten Winter flüchten – und habe kleine Inseln der Gemeinschaft gefunden. Als ich mich ein letztes Mal unter die Gartendusche dieser heißen, selbst verwalteten Protestzelle stelle, durchfährt mich eine wohlige Welle der Aktivierung.

Zusätzlich zur sozialen Wärme glaube ich, auch bereits viel über das Schwitzen an sich gelernt zu haben:  Bei trockenen Saunen ist der feuchte Film auf der Haut tatsächlich Schweiß. Bei Aufgüssen und Dampfbädern ist er meistens das Kondensat der heißen Luft, die sich auf unserer Haut abkühlt.

In der russischen Banja in Berlin-Marienfelde bekomme ich vom Schwitzen allerdings eine vollkommen neue Definition. Als ich in die russische Sauna eintrete, empfangen mich der Inhaber Johann Knecht und seine Frau Natasha. Sie sind Spätaussiedler aus Jakutien, einem Teil von Russland. Im Winter wird es dort bis zu minus 30 Grad kalt. In ihrer Datsche hat Johann Knecht einst eine Banja gebaut, mit Holzofen und Schaschlik-Grill draußen.

Wir gehen durch einen Gastraum, in dem auf einem Flachbildschirm ein russischer Musikkanal läuft. Zwei Männer in Winterjacken löffeln Pelmeni aus einer Schüssel. Dann geht es in den Saunabereich. Ich ziehe mich aus und schlängele mich durch eine Gruppe von Männern, die gerade ihre Hosen ausziehen. Johann reicht mir einen Filzhut. Dann geht alles sehr schnell. Viel schneller als in deutschen Saunen. Saunatür auf. Dawai. Aufguss. Dawai. Handtuchwedeln. Dawai. Ich muss mir die Brustwarzen zuhalten und die Augen zukneifen, um nicht meine Sinne einzubüßen. Die Ersten stehen auf. Dawai. Eine ältere Russin sitzt neben mir und sagt: »Aaaach, daas ist nicccht heiß. Iccch merrrke überrrhaauupt niccchts.« Die Steine zischen wieder. Die nächste Feuerwalze. Dawai. Ich taumele kurz danach zur Tür und bilde mir ein, unter der Dusche meine Haut zischen zu hören. Dann ab ins Tauchbecken. Meine Mütze habe ich immer noch auf. Dann sehe ich ihn: Rustam, den usbekischen Hünen. Wieder im Handtuch frage ich ihn, was da eigentlich auf meiner Mütze steht. Er sagt: Königin. Nachher holt er den Eichenbesen für die Krönung.

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